ehemalige Schulschach-Referentin der Pfalz




Letzte Änderung:    09. Feb. 2018



Beschreibung der Entwicklungs-Phasen beim Schach-Lernen

Materialphase


In dieser Phase werden die Gangarten der Figuren erprobt. Es wird geschlagen was geht, i.d.R. ohne Berücksichtigung der Wertigkeit der Figuren. Dann ist aus Kind-Perspektive natürlich derjenige, der 4 Bauern und einen Läufer geschlagen hat, besser als derjenige, der eine Dame und einen Springer geschlagen hat, das sind ja nur zwei Figuren im Gegensatz zu den eigenen 5 geschlagenen. Die geschlagenen Figuren werden oft in einer Reihe neben dem Brett gestellt und zwischendurch immer wieder gezählt oder auch neu sortiert und aufgereiht. Gerade bei den Anfängern ist immer wieder zu beobachten, dass eine Figur zum Spielen gewählt wird und diese so lange zieht und auf Beutefang geht, bis sie selber geschlagen wird. Erst dann kommt eine neue Figur in Aktion. Schlagmöglichkeiten werden in dieser Phase oft nur in unmittelbarer Nähe der eigenen Figuren (im Umkreis bis zu 2 oder 3 Felder) gesehen. Daher können sie oft die durch gegnerische langschrittigen Figuren bedrohten eigene Figuren gar nicht erkennen. Auch die Kinder, die immer wieder den gegnerischen König schlagen und meinen, dann gewonnen zu haben, befinden sich noch in dieser Phase. Man selber macht zwar immer wieder darauf aufmerksam, dass der König gefangen werden muss und nicht geschlagen werden darf, was aber von den meisten Anfängern gerne überhört oder ignoriert wird. Ein Matt ist in der Regel zufällig vorhanden und wird oft übersehen, gerade wenn noch viele Figuren auf dem Brett sind. Auch wenn das Kind schon einige einfache Strategien zum Mattsetzen kennt, wird erst ans Mattsetzen gedacht, wenn so gut wie alle Figuren des Gegners geschlagen worden sind. Für Kinder in dieser Phase ist Mattsetzen nebensächlich, das Schlagen gegnerischer Figuren ist die Hauptmotivation. Beendet ein Kind das Spiel mit der Ankündigung „Schach-Matt“ (was in dieser Phase oft gar nicht stimmt, wird schon bei einem einfachen Schachgebot automatisch gesagt) antwortet das andere Kind oft, „ja (ohne zu kontrollieren, ob es stimmt), aber dafür habe ich mehr Figuren!“


Räumliche Phase


Während der räumlichen Phase erobern die Kinder allmählich das ganze Schachbrett und finden sich in der räumlichen Aufteilung zurecht. Fand z.B. in der Materialphase noch der unerbitterliche Kampf um die Randbauern statt, ohne zu erkennen, dass beide Türme durch das Hin- und Herschlagen eine freie Linie haben und sich gegenseitig schlagen könnten, wird das in der räumlichen Phase immer zuverlässiger erkannt. Auch die Schlagmöglichkeiten der langschrittigen Figuren werden immer mehr gesehen und genutzt, nicht erst dann, wenn das Brett fast leergeräumt ist. Das gleiche gilt für die Bedrohung durch langschrittige Figuren. Wird das noch nicht zuverlässig erkannt und somit die eigenen bedrohten Figuren gedeckt oder in Sicherheit gebracht, befindet sich das Kind noch eher in der Materialphase. Erst wenn das Kind die Spieleigenschaften und -fähigkeiten dieser Figuren in der Aufteilung des ganzen Brettes und ihr räumliches zusammenwirken erkennt (und nicht nur in der unmittelbaren Umgebung der Figuren), kann es diese zum Mattsetzen nutzen. So entwickelt sich in der räumlichen Phase ein Gefühl/Begriff für das bewusste Schach- bzw. Mattsetzen. Das Kind lernt, die langschrittigen Figuren zum Schrankenbauen einzusetzen und aus der Ferne zu agieren.

Aber selbst, wenn es den Anschein hat, dass das Kind den Begriff des Mattsetzens verinnerlicht hat, heißt es noch nicht, dass es der Materialphase gänzlich entwachsen ist.


Achtung:

Gerade in dieser Phase kann sich bei den jungen Schülern (1./2. Klasse) ein Entwicklungsdefizit störend bemerkbar machen, dass den allermeisten Trainern überhaupt nicht bewusst ist: eine mangelnde Auge-Hand-Koordination. Viele verrutschen in den Linien und vor allen den Diagonalen, wenn sie diese nur mit den Augen über 5-7 Felder verfolgen. So wird dann z.B. ein schwarzläufiger Läufer auf ein weißes Feld gesetzt oder die Bedrohung  über die weiße Diagonale nicht erkannt (weil der Blick verrutscht ist). Das Kind hat für sich alle bedrohten Felder kontrolliert, ist aber, weil die Koordination noch nicht sicher funktioniert, mit dem Blick verrutscht, und der Trainer versteht nicht, warum das Kind schon wieder eine Figur eingestellt hat.

Erkennen kann man eine nicht zuverlässig funktionierende Augen-Hand-Koordination, indem man die Kinder mal die Diagonalen auf dem Brett mit den Fingern nachfahren lässt, oder auch in aufgezeichneten Schachfeldern die Wege einzeichnen lässt (was ja auch bei den Übungsaufgaben geschieht). Viele der jüngeren Kinder verrutschen bei den langen Geraden und Diagonalen noch gewaltig.

Auch ein Sehfehler kann sich durch das Verrutschen in den Linien/Diagonalen bemerkbar machen, war auch bei ein paar meiner jüngeren Schülern der Fall.


Zeitliche Phase


Mit dem Zeitbegriff beim Schach können die Schüler lange überhaupt nichts anfangen. Es wird ja immer abwechselnd gezogen, man setzt im Gegensatz zu anderen Spielen nie aus, also ist doch jeder gleich schnell, so ihre Logik. Dass man aber z.B. durch mehrfaches Ziehen derselben Figur Zeit verliert, praktisch also aussetzt (der Gegner aktiviert währenddessen mehrere Figuren), ist ihnen nicht bewusst. Kinder, die noch kein schachliches Zeitgefühl haben, verfolgen auch den gegnerischen Bauern, der sich auf den Weg zum Umwandeln gemacht hat, mit dem König, auch wenn es (uns) offensichtlich ist, dass er auf diese Weise nicht aufgehalten werden kann. Sie haben dann den Bauern „nur“ knapp verfehlt.

Wenn Kinder schon einige Spielzüge „vorausplanen“, heißt das noch lange nicht, dass sie auch ein Zeitgefühl entwickelt haben. Sie haben wohl schon gehört, dass Schachgebote auch einen Zeitvorteil bringen (können), aber nur, wenn der Angriff nicht etliche Möglichkeiten der Abwehr bietet. Berücksichtigen sie erst einen Teil der Möglichkeiten, vertrauen sie eher darauf, dass der Gegner „dumme“ Züge macht, oder einfach die Drohung übersieht. Der Wunsch danach überwiegt.

Erst wenn die Kinder durch laufendes Üben (z.B. mit dem Lösen von Aufgaben und dem Nachbesprechen von einigen Spielstellungen – was hätte man da anders/besser machen können) verinnerlicht haben zu schauen, wie der Gegner auf die eigenen Züge reagiert, sich in seine Rolle versetzen und immer das Beste machen, was man in der Situation machen könnte, können sie gezielte von unnötige, nicht vorteilhafte Angriffe/Spielzüge unterscheiden und den zeitlichen Raum erobern. Vorher ist es ihnen z.B. gar nicht möglich, eigene Figuren, die im Weg stehen, für einen Raum- und/oder Zeitgewinn wegzusetzen oder gar zu opfern, also bewusst schlagen zu lassen. Lieber tänzeln sie um eigene Figuren lange herum. Dass das dann eher ein Zeitvorteil für den Gegner ist, ist ihnen nicht offensichtlich.

Bis Kinder, vor allen jüngere, in diese zeitliche Phase kommen, können durchaus 2-3 Jahre ins Land gehen.

Viele Bauernzüge, Bedrohungen hauptsächlich durch Bauern, Bedrohungen durch langschrittige Figuren werden nicht erkannt (nur die in unmittelbarer Nähe). Der räumliche Aspekt, der sich durch die Züge 5 und 6 ergibt, wird noch nicht erkannt (ganz typisch), dieselbe Figur wird öfters gezogen bis sie weg ist. Langschrittige Figuren werden oft auch nur kurz gezogen.

1. e4  

2. Lb5  

3. b3  

4. Lb2  

5. a3  

6. axb4  

7. e5  

Sc6

g6

Sf6

Sb4

a6

axb5

Sd5

8. c3  

9. c4  

10. bxc4

11. g3  

12. gxf4

13. Se2

Ta7

bxc4

Sf4

g5

gxf4

f3


Beispiel einer typischen Partie in der Materialphase:

Home Meisterschaften Schulschach offene Turniere Links  Referentin Kontakt Impressum Disclaimer Archiv Unterhaltsames äußerer Rahmen Schachvarianten Material Lehrgänge Hintergrundwissen päd. Auftrag Std. Gestaltung Phasen Praxis Stappenmethode Visualisierung