ehemalige Schulschach-Referentin der Pfalz




Letzte Änderung:    09. Feb. 2018



Bedeutung für die Praxis

Die einzelnen Phasen sind keine klar voneinander abgegrenzten Zeitabschnitte, die strickt seriell durchlaufen werden, sie überlagern sich auch teilweise. Ältere Schüler durchlaufen sie entwicklungsbedingt natürlich schneller als jüngere Schüler. Wir sollten unseren Schülern aber genügend Zeit geben, sich sicher in ihnen zu bewegen und nicht zu schnell mit Themengebieten kommen, die ganz klar erst späteren Entwicklungsphasen zugeordnet sind.


Meine Erfahrungen/Beobachtungen zeigen:


Materialphase: Grundschüler: ca. 1 – 1,5 Jahre, ab 5. Klasse ca. 0,5 – 1 Jahr

räumliche Phase: Grundschüler: ca. 0,5 – 1 Jahr, ab 5. Klasse ca. 4 – 7 Monate

zeitliche Phase:  beginn bei den meisten Schülern in der 2. Hälfte der räumlichen Phase


Werden die Grundlagen des Schachs in der Materialphase souverän erarbeitet, ausprobiert und verfestigt, ist es ein sicheres Fundament für alles weitere. Die Zeit, die zum Anfang investiert wird, wird später locker wieder eingeholt.


Eigene Bewertungen:


Folgende Betrachtungen mögen einigen vielleicht ketzerisch vorkommen, spiegeln aber meine langjährigen Beobachtungen und Erfahrungen mit sehr vielen Schülern (1.-8. Klasse) wieder.


Ganz oft habe ich aus dem Mund von Schachtrainern und gut spielenden Eltern/Großeltern gehört (und manchmal als Spiegel auch aus dem Mund meiner Schüler), dass eine gute Eröffnung das A und O eines Schachspiels sei; ist sie vermasselt, dann hat man schon so gut wie verloren. Das trifft für ihre Spielweise und ihr Schachniveau bestimmt auch zu, stelle ich nicht in Frage. So drängen sie schon ganz früh – unmittelbar nach dem Erklären der Gangarten der Figuren -  bei ihren Schülern darauf, wie ein Spiel gut zu eröffnen sei, nicht nur mit den allgemeinen Eröffnungsgrundsätzen, sondern auch schon mit spezielle Formen der Eröffnung. Erstere werden lehrmeisterartig laufend abgefragt oder tretmühlenmäßig wiederholt, bis der Schüler sie mechanisch/reflexartig anwendet – und trotzdem seine Spiele verliert!

Woran liegt`s? Eröffnungen beinhalten ganz klar einen räumlichen und vor allem zeitlichen Aspekt, der von den Schachanfängern in der Materialphase noch gar nicht erkannt – geschweige denn verinnerlicht und genutzt werden kann. Befindet sich der Schüler noch in der Materialphase, sind die mechanisch herausgestellten Leichtfiguren schneller geschlagen oder wieder bei erkannter Bedrohung in die Grundreihe zurückgezogen worden, als man gucken kann. Kinder in dieser Phase gewinnen ihre Spiele nicht, weil sie eine (aus Erwachsenensicht) gute Eröffnung gemacht haben, sondern eher trotz einer (aus Erwachsenensicht) miesen Eröffnung – weil sie möglichst wenig Fehler im Mittelspiel gemacht haben und zum Schluss noch so viel eigenes Material hatten, um damit (wenn auch manchmal zufällig) Matt setzen konnten!


Das gleiche gilt für das Mattsetzen. Für einen guten Schachspieler ist ganz klar das Siegen/Gewinnen das Wichtigste am Spiel. Darauf zielt alles hinaus. Somit findet man in sehr vielen Lehrbüchern und Lehrwerken im deutschsprachigem Raum (siehe meine Vorstellung/Analyse einiger Lehrwerke) auch für Kinder nach einer kurzen Vorstellung über die Gangarten der Figuren gleich als erstes Schwerpunktthema das Mattsetzen, manchmal sogar, ohne vorher überhaupt zu erklären, was ein Matt ist!

Das Mattsetzen ist ein Aspekt der räumlichen Phase, beinhaltet es doch ein Verständnis für die Mächtigkeit der (vor allem Schwer-) Figuren, ihrem Wirken und ihrer Beweglichkeit auf dem ganzen Brett und ihrem Zusammenspiel! Selbst für das einfache Treppenmatt braucht man zwei Schwerfiguren, die gezielt zusammen arbeiten. Und auch eine einzelne Schwerfigur kann ohne Hilfe nicht Mattsetzen.

Für die Anfänger - und das sind die Schüler, wenn sie gerade die Gangarten der Figuren gelernt haben, oder mit diesen Grundkenntnissen in die Schach-AG kommen – ist das uns so wichtige Mattsetzen erst einmal nebensächlich! Ihre Hauptmotivation ist das Beutemachen, das Schlagen der Figuren, mehr zu haben als der Gegner. Daraus ziehen sie während des ganzen Spielverlaufes ihren „Kick“. Sie freuen sich wie ein Schneekönig, wenn sie eine Figur (! unabhängig der Wertigkeit) mehr haben als der Gegner. Auf der anderen Seite neigen Schüler mit niedriger Frusttoleranz dazu, die Figuren vom Brett zu fegen oder aufzugeben, sobald der Gegner eine Figur mehr hat als sie selber. Ob sie später von den Figuren her locker hätten Mattsetzen können ist da völlig unerheblich. Sie „setzen“ in der Materialphase andere Prioritäten.

Außerdem: Was nützt es, so früh mit den Techniken des Mattsetzens anzufangen, wenn im Spielverlauf die Schüler gar nicht dahin kommen, mit den entsprechenden Figuren Matt zu setzen, weil sie sie in der entsprechenden Spielsituation gar nicht mehr zur Verfügung haben!

In den allermeisten Lehrbüchern und Lehrwerken im deutschsprachigen Raum werden die relevanten Themen der Materialphase, nämlich das Angreifen, Angriffe erkennen und die Verteidigung der Figuren total ausgespart oder sträflich vernachlässigt.


Auch das Befolgen folgender Anweisung (habe ich des Öfteren aus Schülermund gehört) ist für die Anfänger in der Materialphase nicht zweckdienlich: „Mein Papa/Trainer hat gesagt, ich soll alles abtauschen!“ Wird diese Anweisung in der Materialphase stupide befolgt, reicht zum Schluss hin ein kleiner Fehler aus, um das Spiel zu verlieren, weil der Schüler kein Material mehr zum Mattsetzen hat. In späteren Phasen hat diese Strategie durchaus ihren Sinn.


Fazit:


Bei Kindern/Schülern in der Materialphase passieren zwischen dem Beginn und dem Ende eines Schachspieles (ich sage hier jetzt bewusst nicht Eröffnung und Mattsetzen) auf beiden Seiten noch so viele Fehler, dass man auch während des Spielverlaufs nicht sagen kann, wie das Spiel ausgehen wird. Auch ein Spieler, der scheinbar eindeutig auf Siegeskurs liegt, verliert 5 Minuten später das Spiel, weil sich die Situation aufgrund vieler Fehler vollkommen gedreht hat.


Unter Berücksichtigung der schachlichen Entwicklungsphasen ergibt sich dann die thematische Vorgehensweise in der Stoffvermittlung von ganz alleine:


- Sicherer Umgang mit den Figuren (angreifen, Angriffe erkennen und Figuren verteidigen)

- ganz einfache Mattstellungen

- Angriffe/Taktiken für das Mittelspiel

- Mattführungen

- Eröffnungen


Natürlich gibt es noch viele, viele weitere Themen, aber berücksichtigt man die äußeren Rahmenbedingungen für Schulschach, z.B. haben wir AG-Leiter die Schüler oft nicht länger als maximal zwei Jahre, ist mehr in aller Regel nicht machbar.

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